Mittwoch, 15. Juni 2011

Alles wächst und gedeiht

Nicht nur die Bauern freuen sich im Moment, dass der Reis und der Kakao abgeerntet werden kann, wodurch jetzt wieder die große Konsumzeit anbricht, man hört überall, egal ob bei Eric meinem Schneider, bei Abinewty, dem Vater eines Freundes oder im Büro, jetzt bekommen die Leute wieder Geld, jetzt beginnt wieder die gute Geschäftszeit. Auch das Chipsy-Konto, welches ich ja mit Khalphan gestartet habe, hat sich weiterentwickelt. Irgendwann in irgendeinem Gespräch meinte Khalphan zu mir, dass das Geld was er von uns mit einem mal bekommen würde eigentlich gar nicht so viel wäre und er weitersparen wollen würde. Also kam uns die Idee, das das Chipsy-Konto in einen ‚richtigen‘ bank account übergehen könnte. Ich hatte vorher schon mal von Charles erfahren, dass ein bank account gar nicht so teuer in der Haltung ist. Ende letzten Monat war Khalphan dann bei der Bank, nachdem er zuvor schon einen Brief von irgendwelchen Behörden besorgt hatte und hat ein Konto beantragt. Mitte Juli kann er sich jetzt seine neue Bankkarte abholen und dann täglich weitersparen. Er hat das Ziel jeden Tag weiterhin mindestens 2.000TSH zu sparen und diese am Ende jeder Woche auf sein Konto einzuzahlen, sein Ziel ist es einmal eine eigene Millionen zu besitzen, in einem Jahr könnte es so weit sein.

Auch die Playstations von Charles vergrößern sich immer weiter. Er hat jetzt einen neuen, größeren Raum angemietet, zwei neue Playstations bestellt und einen Laptop mit dem er CDs brennen kann und Lieder auf Handys ziehen kann (ein sehr lukratives Geschäft wie er sagt). Außerdem hat er auf seinem Feld jetzt Melonen angepflanzt, die er im September ernten kann. Außerdem ist noch eine M-Pesa Station geplant, M-Pesa ist wie eine Banküberweisung nur übers Handy, wodurch man keinen bank account braucht. Außerdem hatte er noch geplant eine Apotheke zu eröffnen, hat diesen Plan aber umgeschmissen, als ich ihm von Bajaj erzählte. Das sind Fusionen aus Taxi und Motorrad, mit drei Rädern, die es in Dar es Salaam zum Beispiel extrem viel gibt, in Kyela aber gar nicht. Ich erzählte ihm, dass ich in Dar gehört hatte, dass es ein sehr lukratives Geschäft sein soll eine Bajaj zu besitzen und zu vermieten. Als wir dann den Preis von knapp 3 Millionen raus bekommen hatten, stellte Charles fest, dass er das wohl auch dank der Melonen in ein paar Monaten erreichen kann. Er kannte natürlich auch jemanden, der in der Grenzstadt Tunduma Bajaj vermietet, täglich bekommt er dort 25,000TSH (die Fahrer verdienen ungefähr 40.000-60.000TSH von denen sie eben 25.000TSH an miete abzweigen müssen). Mit einer Bajaj würde Charles pro Monat deutlich mehr Umsatz machen als er bei TMF verdient. Wenn Charles dann seine Bajaj (vielleicht auch zwei), seine Playstations inklusive CD-Brennen und Liederüberspiele und vielleicht auch noch das M-Pesa besitzt, dann will er in ein bis zwei Jahren zur Universität und studieren, vielleicht Accounting, vielleicht Microfinance, vielleicht aber auch etwas anderes, der Grund weshalb Charles immer auf der Suche nach neuen Geschäftsideen ist.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Wege zur Gehaltssteigerung

Einige meiner Arbeitskollegen sind immer wieder auf der Suche nach alternativen Geschäftsideen, um neben der Arbeit bei TMF ihr mickriges Gehalt etwas aufzubessern. So auch Charles, auch ein guter Freund von mir. Er erzählte mir mal, dass er 300.000 TSH (150€) brutto im Monat verdient, netto bleiben 200.000 (100€). Jedes Jahr muss er außerdem noch 750.000TSH für Schulgebühren für Verwandte abzweigen, da bleibt wirklich nicht mehr viel Geld für große Sprünge. Also war er, wie auch Gwakisa, ein guter Freund und ehemaliger Arbeitskollege von mir (jetzt ist er bei TMF in Dar), auf der Suche nach einer weiteren Geldquelle.

Die Idee hatte Gwakisa schon ausprobiert, war allerdings mehr oder weniger gescheitert, er hatte zwei Playstations gekauft und gegen Geld konnte man eine gewisse Zeit spielen. Sein Problem war, er hatte es in der Nähe von Mbeya (ca. 3 Std. mit dem daladala von Kyela) eröffnet und hatte das Gefühl, dass die zuständige Person, die das Geld für ihn einnehmen sollte, ihn bestehlen würde, der Gewinn war auf jeden Fall nicht zufriedenstellend. Seine neue Idee ist es eine Stationary (dort kann man drucken, kopieren, Bürokram kaufen, ggf. ins Internet…) zu eröffnen, einen Kopierer hat er sich schon besorgt, doch woran hapert es mal wieder, am weiteren Startkapital!

Zurück zu Charles, er hat eine Playstation von Gwakisa abgekauft und sich auch noch eine zweite besorgt, zwei kleine 14 Zoll Fernseher (alles gebraucht), zwei kleine Fernsehtische und vier Stühle gekauft und dann eine Art Garage angemietet. Ich hatte ihm ein bisschen bei den Vorbereitungen geholfen und dann am 1. April war es soweit und er hat seine ‚Spielehalle‘ eröffnet.

Ich bezweifelte ein wenig, dass sich das ganze Geschäft rentiert, aber Charles war sich sicher, dass genügend Kunden kommen würden. Direkt am ersten Tag war der ganze Raum voll mit Kindern, vier spielten, der Rest schaute zu, an diesem Tag war alles noch umsonst.

Jetzt sind eineinhalb Monate vergangen und man kann wirklich sagen, das Geschäft läuft. Nachdem Charles ursprünglich geplant hatte eine Stunde für 1000 TSH (50ct) zu verkaufen, hat er den Plan noch vor der Eröffnung auf eine Viertelstunde für 200TSH (10ct) geändert, ein ziemlich geschickter Schachzug; viele spielen nur für eine Viertel- oder Halbestunde. Zu seinen Kunden zählen vor allem Kinder, mittlerweile kommen aber auch immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene. Sein täglicher Gewinn lag im ersten Monat immer etwas über 10.000 TSH, kalkuliert hatte er mit ca. 7000 TSH, also ist es jetzt in der Anfangszeit wirklich sehr erfolgreich.

Ich hatte Charles auch schon mal gefragt, was er denn über den Suchtfaktor denkt, er meinte sicherlich müsste man darauf achten, aber ich weiß nicht, ob er einem Dauerspieler das Spielen verbieten würde. Ich meine, bei vielen deutschen Kindern ist der Suchtfaktor sicherlich noch deutlich größer, wenn die Playstation neben dem Bett steht und dann auch noch frei zugänglich ist.

Ein großes Problem war, Charles muss den ganzen Tag arbeiten, kann also nicht gleichzeitig bei den Playstations sein, also muss ein Angestellter her, genauso wie bei Gwakisa. Für solche Hilfstätigkeiten gibt es hier vibarua (Tagelöhner, häufig Jugendliche, die nach der Primary nicht zu Secondary gehen konnten und auch noch kein eigenes Geschäft eröffnet haben) wie er einen solchen kibarua gefunden hat und dessen Geschichte war sehr interessant.

Ganz einfach, Charles ist durch die Stadt gefahren und hat einen Jugendlichen beim Waschen von pikipikis (Motorrädern) gesehen und fragte ihn, ob er nicht eine bessere Arbeit wollen würde. Der Junge war natürlich froh, hat sich das Ganze angeguckt und angehört und meinte, das würde er hinbekommen. Das Problem war, Charles hörte kurz danach, dass Rodrick als mkorofi (Unruhestifter) gelten sollte, natürlich keine gute Basis, gerade wo seine Arbeit natürlich auch auf großem Vertrauen basiert. Charles hat sich allerdings angeguckt, wieso dieser ein mkorofi sei. Aufgewachsen war er bei seiner Mutter und seinem Vater, allerdings war es nicht sein leiblicher Vater, sondern seine Mutter hatte ein Kind von einem anderen Mann bekommen. Dann ist seine Mutter irgendwann gestorben und er kam zu den Eltern seines nichtleiblichen Vaters (alleinerziehende Väter sind hier noch viel ungewöhnlicher als in Deutschland), dort wurde er, wie auch von seinem Vater, sehr mies behandelt, weil er ja nicht der leibliche Enkel war, wie Charles erzählte bekam er nicht mal regelmäßig Essen. Er fing an zu stehlen, hat auf den Feldern Kakao geklaut und diesen dann in der Stadt verkauft oder ähnliche krumme Dinge gemacht. Wie Charles selbst sagte, er hatte ja keine andere Wahl, er brauchte das Geld ja um sich Essen und andere Dinge zum Leben zu kaufen. Vor zwei Monaten ungefähr kam er zu seiner leiblichen Großmutter, dort wurde er besser behandelt, sie wohnt allerdings etwas außerhalb von Kyela. Charles wollte dann, bevor er Rodrick einstellte, mit dessen Großmutter reden, auch weil er den Plan hatte, dass dieser Junge bei ihm Zuhause einzieht. Die Großmutter, wie so häufig, kannte Charles per Zufall. Als er bei ihr ankam erkannte er sie als Mitglied einer Kreditgruppe von TMF wieder. Sie hatte nichts gegen Charles Pläne einzuwenden und so stand der Einstellung nichts mehr im Wege. Rodrick ist aber nicht ein einfacher Angestellter, sondern Charles sorgt sich richtig um ihn, ich glaube diese Arbeit ist ein wirklicher Glücksfall für den Jungen. Er wohnt bei Charles in einem guten Haus, er bekommt von Charles Frühstück, Mittagessen und Abendessen bezahlt und ein wirklich unglaublich gutes Gehalt von 40.000TSH (20€). Erst wollte Charles ihn abhängig vom Gewinn bezahlen, hat sich jetzt aber doch für ein Festgehalt entschieden, die deutlich bessere Variante für einen 18 jährigen Jungen, wie ich finde. Als ich Charles fragte, ob er denn auch darauf achten würde wofür der Junge das ganze Geld ausgeben würde oder ob es ihm egal wäre, meinte er, er wolle Rodrick auch ein Konto eröffnen, damit er gut sparen kann und nicht alles zum Fenster rausschmeißt.

Der Junge macht seine Arbeit eigentlich auch wirklich nicht schlecht, das einzige Problem ist, dass er letztens, als Stromausfall war, sich von dem Geld ein pikipiki gemietet hat und durch die Gegend gefahren ist, es war nicht das einzige Mal, dass er Charles „beklaut“ hat, deswegen hat er jetzt für den letzten Monat auch nur 30.000 TSh bekommen. Der Gewinn ist auch gesunken auf um die 5000 pro Tag, Charles vermutet auch da Rodricks Langfinger hinter. Er hat schon mit ihm geredet und auch die Großmutter, die davon Wind bekommen hatte, wollte nochmal ein ernstes Wörtchen mit ihrem Enkel reden.

Charles ist aber immer auf der Suche nach neuen Geschäften. Sein neuster Clou ist es, Schulabgängern der Form six (ähnlich Abiturienten) bei der Bewerbung für die Unis zu helfen. Die einzige Möglichkeit für eine solche Bewerbung besteht nämlich online. Das heißt für die Allermeisten, entweder ins Internetcafé gehen oder sich jemanden suchen wie Charles. Er hat sich letztes Jahr den Laptop von Anna, meiner Vorgängerin, gekauft und hat durch einen Internetstick, wie ich ihn auch benutze, immer Zugang zum Internet. Für viele Jugendliche ist Computer und Internet aber noch extrem fremd und die Bewerbung ist nicht unkompliziert. Charles, hat sich das ganze angeguckt und bietet jetzt den Service an, gemeinsam mit den Bewerbern die Formulare auszufüllen und abzuschicken. Je nachdem wofür sie sich genau bewerben und wie aufwändig das Ganze ist, kostet der Service zwischen 5000-8000 TSh. Das ein oder andere Mal, als sehr viele Kunden da waren, habe ich ihm auch geholfen. Meistens macht er diese Arbeiten am Wochenende, letzte Woche waren aber auch schon einige Antragssteller im Büro.

Auch wenn Charles immer wieder nach neuen Möglichkeiten sucht, sein Einkommen zu verbessern, ist er in keiner Weise ein skrupelloser Geschäftsmann, sondern das genaue Gegenteil. Am Samstag hat ihn der Betreiber eines Internetcafés angerufen, seine Tochter hätte einige Probleme mit ihrer Bewerbung, diese hatte sie irgendwo ausfüllen lassen und es waren einige Fehler passiert. Nachdem Charles alles berichtigt hatte, und die Tochter heilfroh war, kamen auch noch einige andere Interessierte. An dem Tag hat er 60.000TSH eingenommen. Allerdings hat er 40.000TSH dem Internetcafébetreiber gegeben, da er ja sein Internet und vor allem auch sein Büro benutzt hat und er auf keinen Fall wollte, dass dieser dann irgendwie sauer auf ihn sein könnte. Außerdem war ein Bewerber da, den Charles auch irgendwoher kennt, ein Vollwaise. Dieser wollte auch ordnungsgemäß bezahlen, Charles hat sich aber geweigert das Geld anzunehmen und ihm gesagt, er sollte das Geld lieber für andere Sachen ausgeben. Heute war dann ein Päckchen bei uns im Büro, der Junge hatte Charles schon informiert, dass er ein kleines Dankeschön bei Afante, unserer Security-Frau , abgegeben hatte, es war ein Huhn.

Dienstag, 5. April 2011

Der Durchbruch - Aids vollständig heilbar!

Und nicht nur Aids, scheinbar jede erdenkliche Krankheit ist inzwischen komplett heilbar. Dank Loliondo. Dabei handelt es sich nicht um eine Wundermedizin, sondern um Babu (Opa), wie er hier auch immer wieder genannt wird, ein Pfarrer aus Arusha, der als Rentner eine unglaubliche Begegnung mit Gott hatte. Zumindest schreiben das die Zeitungen, im Radio ist immer wieder von ihm die Rede und auf der Straße sowieso, jeder kennt ihn, (fast) jeder liebt ihn.

Ich erfuhr von Loliondis Wunderkräften zum ersten Mal auf der Arbeit, als alle von ihm sprachen. Ich hatte den Eindruck, meine Kollegen wussten nicht wirklich was sie davon halten sollten, aber Afante, unsere Security Frau, war sich ganz sicher, AIDS ist heilbar! Als ich ihr versuchte deutlich zu machen, dass es so einfach nicht ginge, ließ sie sich fast nicht überzeugen, als ich ihr vorhielt, wie viele Wissenschaftler auf der ganzen Welt nach einem Medikament forschen, mit dem sich AIDS/HIV heilen lassen würde, erwiderte sie, wieso wir (die Weißen) immer glauben würden, wir hätten die Weisheit gepachtet mit unseren ach so tollen Sachen, wieso wir denn nicht glauben könnten, dass ein tansanischer alter Mann etwas Unglaubliches vollbringen kann, an dem „wir“ scheitern würden. Sie meinte, es wären schon viele bei ihm gewesen und wären danach gesund geworden. „-Auch wegen AIDS“, „-Ja, aber das sagt keiner, alle sagen nur, dass sie Zucker oder so gehabt hätten“. Erst als ich sie fragte, was sie denn wohl sagen würde, wenn sie aus Kyela für ziemlich viel Geld die Reise nach Arusha macht, um von was auch immer geheilt zu werden, dann im Krankenhaus nachher einen Test macht und sieht, dass dieser negativ ist, alle anderen aber angeblich geheilt würden, sah sie ein, dass es vielleicht doch nicht alles so stimmen würde. Auch weil ich ihr erklärte, dass man die vidudu („Bakterien“) nicht mit reinem Glauben töten könnte und auch nicht mit der Medizin, die man beim Babu trinken würde. Irgendwann kam Mama Angel, eine Mitarbeiterin, auf mich zu, total freudestrahlend und meinte, ich hätte es geschafft, ich hätte Afante überzeugt. Ich glaube, mittlerweile ist das schon wieder Schnee von gestern.

Am Anfang dachte ich, ok das ist eine kurze Welle, die Zeitungen stürzen sich drauf (ich habe von den Zeitungen, die ich bisher gelesen habe, kein besonders gutes Bild, sie sind zwar absolut unabhängig von der Regierung, allerdings geht Pressefreiheit nicht gleichzeitig mit Qualität einher) aber es wird schnell rauskommen, dass alles nur Schwindel war. Die Frage war für mich nur, ob alle, die von Loliondo gehört hatten, auch nachher von der Auflösung hören würden.

Falsch gedacht, das Thema Loliondo beherrscht die Zeitungen so wie bei uns die Guttenbergaffäre vor gar nicht allzu langer Zeit. Heute kam Ipyana wieder mit der Zeitung an, schmiss sie uns mit einem Lachen auf den Lippen zu und sagte, Neues vom Babu. Alle stürzten sich direkt drauf und lasen gespannt. Das hatte ich auch versucht Afante zu erklären, „die Leute“ lieben Geschichten über Loliondo und seine Wundertaten, deswegen schreiben die Zeitungen alles, damit sie viele Exemplare verkaufen. Sie war nämlich der Meinung, wenn alle Zeitungen da so viel drüber schreiben, muss da ja was dran sein (gewisse Sachen sind eben auf der ganzen Welt gleich).

Der erste Schock war, dass ich in den Zeitungen und auch sonst nirgendwo ein kritisches Wort über Loliondos Geschichten gehört habe. Ich habe bei manchen Leuten den Eindruck, sie wissen nicht genau was sie davon halten sollen, viele glauben es aber auch. Kurz nachdem es bekannt wurde, müssen Massen nach Arusha geströmt sein, so erzählt man es sich zumindest hier in Kyela, sogar aus dem Kongo und aus Uganda seien hunderte Autos gekommen.

Der zweite Schock war, als bekannt wurde, dass auch Regierungsvertreter beim Babu waren und eine kikombe (Tasse) des Zaubertrunkes zu sich genommen haben. Wieder war kein kritisches oder zweifelndes Wort zu hören oder zu lesen. Irgendwer meinte, egal ob da was dran ist oder nicht, „die Leute“ lieben Loliondo (Helden werden überall geliebt) und da kann es sich die Regierung, die auch nach den Wahlen immer noch bei vielen Leuten stark in der Kritik steht, nicht erlauben, sich gegen diesen Helden zu äußern.

Der dritte Schock war dann, als in der Zeitung geschrieben wurde, der Babu hätte mittlerweile schon 50.000.000 TSH (25.000€) eingenommen – immer noch habe ich kein zweifelndes Wort gehört. Man muss dazu bedenken, das Loliondo in einer kleinen Hütte wohnt, das Geld wollte er jetzt der Kirche spenden, so habe ich es mitbekommen. Die Kirche (lutherisch) hat den Rentner auch wieder eingestellt, sein Draht zu Gott muss ja schließlich fast schon an den des Papstes heranreichen. Noch schöner wurde es dann, als auf einmal ein Babu nach dem nächsten aus dem Boden schoss. Irgendwann sollte es angeblich fünf oder sechs mit besonders gut leitendem Draht geben, die Rede ist aber weiterhin nur von Loliondo. Zweifel? Ich habe noch von keinen gehört.

Vierter Schock, gestern trieben sich einige Leute in Kyela am Markt rum und verkauften Tickets für einen Bus nach Arusha, zum Babu, für gerade einmal 10.000 TSH (5€), angeblich organisiert von Kyela FM, dem Lokalradio, welches einen sehr guten Ruf besitzt und direkt neben unserem Büro im selben Gebäude untergebracht ist. Daraufhin kamen einige Leute an, die das Ticket gekauft hatten, und wollten in den Bus steigen, einen Bus der niemals geplant gewesen war. Die Zuständigen vom Radio haben direkt eine lange Erklärung gesendet in der sie deutlich machten, dass kein Bus existiere. Die Betrüger waren mit dem Geld aber natürlich schon weg und 10.000 TSH sind zwar für eine Fahrt bis nach Arusha extrem wenig, aber um sie einfach zu verschenken doch für viele Leute schon viel Geld.

Und dann heute das Titelblatt der Zeitung, die uns Ipyana mit einem Lachen zuwarf: Zwei Wazungu mit Plastikbechern genossen gerade den Zaubertrank. Ich weiß nicht ob diese beiden Touristen sich bewusst sind, welchen Hype sie da unterstützen, meiner Meinung nach, ein sehr gefährlicher Hype!

Bei einer solchen Geschichte kommt sicherlich schnell das vorurteilbelastete Bild von dem „typischen Entwicklungsland“ auf. Ich fand es allerdings fast genauso erschreckend wie die Geschichte an sich, wie oft mir Parallelen zur Berichterstattung, zum „Glauben“ einiger Menschen und zu gewissen Hypes in Deutschland aufgefallen sind. Ich würde weder Deutschland noch Tansania als das „typische Entwicklungsland“ bezeichnen, deswegen muss man bei solchen Geschichten aufpassen, nicht zu verallgemeinern und zu stigmatisieren.

Donnerstag, 24. März 2011

Wochenendausflug

Dieser Post stammt nicht von mir, sondern von Davie, ein sehr guter Freund von mir hat ihn verfasst und ich habe ihn dann übersetzt. Es handelt sich um einen Post über unseren gemeinsamen Besuch bei Davies Familie, ich habe darüber schon mal einen Post verfasst. Ich hatte Davie darum gebeten auch einen Post zu schreiben, da ich es selber sehr interessant fand, was er über den gleichen Ausflug schreiben würde. Ich bin eigentlich der Meinung, dass ich viel mehr Posts von Tansaniern schreiben lassen sollte, dadurch könnte ich es vielleicht schaffen, nicht nur die Ansichten eines einzelnen Volontärs darzustellen, sondern auch einigen meiner Freunde eine Stimme geben, vielleicht werden hier also noch das ein oder andere Mal Posts von Tansaniern erscheinen.

Für das letzte Wochenende hatten wir geplant nach Tukuyu zu fahren, um Jonas Lage, der ein guter Freund von mir ist, meine Familie und deren Leben dort zu zeigen. Nachdem wir alles geplant hatten, kam der Tag der Reise, Samstag der 27.02.11. Um neun Uhr morgens fingen wir an uns vorzubereiten und um 5 Uhr sind wir dann zum Markt gegangen um ein Motorrad zu holen, damit wir dann sofort damit aufbrechen konnten. Als wir in Ipinda ankamen, schauten wir nach dem Sprit und tankten noch einmal einen Liter nach. Dann ging die Reise weiter bis zu einem Dorf, es heißt Ntaba, dann fuhren wir weiter bis nach Mbambo, dort kamen wir um halb drei an, dort haben wir für ungefähr zehn Minuten eine Pause gemacht und Früchte gekauft. Außerdem haben wir auch noch Mussa besucht, einen meiner Freunde. Von Kyela bis nach Mbambo sind es ungefähr 12 km. Nach dieser kurzen Pause ging es dann weiter bis nach Itete. Auf dem Weg dorthin hatten wir einen kleinen Unfall, plötzlich mussten wir bremsen und sind umgefallen, weil eine Kuh direkt hinter einer Kurve mitten auf der Straße stand. Als wir uns von dem kurzen Schock erholt hatten, fuhren wir weiter bis zum Haus von meiner Großmutter mütterlicherseits. Dort trafen wir meine „Schwester“ [eine Enkelin der Großmutter], sie heißt Bether. Dann sind Jonas Lage und ich weitergefahren, bis nach Kilabu [ein Treffpunkt, an dem häufig auch Alkohol getrunken wird], in Busoka, wo wir meinen Freund Isaya getroffen haben. Danach fuhren wir weiter bis zu meinem Onkel, Fulaha, dort trafen wir sehr viele Leute. Wir haben sie kurz gegrüßt und uns kurz unterhalten und dann fuhren wir weiter bis nach Hause, wo wir meine leibliche Mutter getroffen haben. Außerdem haben wir noch meine kleinen Geschwister, sie heißen Greater, genauso wie meine Großmutter, Piusi, Bonke, Baita, Shukran, Tufike [Greater, Bonke und Tufike sind leibliche Geschwister, die anderen Halbgeschwister] und eine weitere Frau meines Vaters getroffen. Dann kam auch noch meine Oma (väterlicherseits) dazu und hat uns mit riesigen Freuden begrüßt. Danach kam mein Vater und hat uns auch mit großer Freude begrüßt, wir redeten ein wenig mit meinem Vater und meiner Oma dann gingen wir gemeinsam zum Haus meiner Oma, dort saßen wir nochmal eine halbe Stunde zusammen und grüßten auch meine Tante, sie ist nicht besonders intelligent.

Danach sind wir weitergegangen um einige Leute, die gerade auf einer Beerdigung waren, zu grüßen, es waren auch einige Leute aus Ibungu dort. Der alte Mann, der gestorben war, hieß Ikato, es war die erste Beerdigung auf der wir heute vorbeischauten. Danach gingen wir weiter nach Kamendo, dort gab es eine weitere Beerdigung. Danach gingen wir wieder nach Hause und schliefen. Morgens nach dem Aufstehen fuhren wir nach Itete um das Krankenhaus dort anzuschauen. Dort machten wir ein paar Fotos. Dann fuhren wir wieder nach Hause und bereiteten uns auf die Rückfahrt vor. Als wir dann alles vorbereitet hatten, starteten wir die Rückfahrt. Nachdem wir von Tukuyu bis Ipinda gefahren waren, hatten wir eine Panne. Dann ließen wir unseren Reifen reparieren und fuhren weiter nach Kyela.

Ich danke Jonas sehr, dass wir zusammen verreist sind und ich ihm meine Heimat zeigen konnte.

A David Mwakilewa

Sonntag, 20. März 2011

Für Sparfüchse: Das Chipsikonto!

Heute war Anna mal wieder auf einer Beerdigung, ein Nachbar von ihrem eigentlichen Zuhause war gestorben. Daher hieß es dann für Jan und mich Chipsi essen bei Khalphan. Nachdem ich aufgegessen hatte, stand ich noch eine ganze Weile bei Khalphan und habe mich mit ihm über alles Mögliche unterhalten.

Unter anderem kamen wir auch auf seine Zukunftsplanung zu sprechen, er hatte mir gegenüber schon mal erwähnt, dass er bald aufhören möchte Chipsis zu verkaufen. Es ist einfach unglaublich heiß, die ganze Zeit, bei den sowieso schon hohen Temperaturen, auch noch zwischen zwei großen Kohleherden/-grillen zu stehen und Fleisch zu grillen, Chipsis (Pommes) zu frittieren Chipsi Mayai zu braten. Khalphan macht diesen Job jetzt seit 3 Jahren und meint er bekäme dadurch schon gesundheitliche Probleme.

Auf jeden Fall erzählte er mir heute, er würde noch weiter machen bis wir wieder nach Deutschland fahren und dann wollte er nach Dar es Salam und dann vielleicht irgendwann mal nach Deutschland, allerdings nur für einen Urlaub. Dass es für ihn quasi unmöglich ist dort zu leben/arbeiten, habe ich ihm schon öfter erzählt (man ist eben “zu Gast bei Freunden!“- mehr nicht!). So lief das Gespräch immer weiter, er erzählte, dass viele Tansanier durchs ganze Land reisen würden, so er auch, er war schon an verschiedenen Orten im ganzen Land. Als es dann auf einen Job in Dar es Salam kam, stellte sich heraus, dass er dort wieder Chipsis verkaufen wollen würde. Als ich ihn auf diesen Widersprich ansprach, dass er ja eigentlich eine andere Arbeit machen wollen würde, meinte er, dass es in Dar es Salam mehr Geld zu verdienen gäbe und er dann vielleicht auch mal etwas sparen könnte um etwas anderes zu machen. Es mangelt nicht an Ideen eine neue Arbeit zu finden/gründen, sondern am Startkapital.

Dieses Problem habe ich hier schon sehr häufig wahrgenommen, auch bei einigen Mitarbeitern, so z.B. auch Gwakisa, der jetzt wieder bei TMF in Dar arbeitet und auch viele Ideen für Nebeneinkünfte (das Gehalt ist wirklich klein) oder andere Arbeiten hat, es scheitert am Startkapital. Bei Khalphan überlegte ich wie ich ihm dabei helfen könnte, ob ich ihm Geld vorstrecken könnte und er es dann nach einem ganz genauen Plan wieder zurückzahlen würde (Geld zu verschenken ist für mich ausgeschlossen und zwar nicht aus Geiz). Allerdings ist das natürlich schwierig, da er das Geld erst im August, nach unserer Abreise braucht und dann natürlich nicht mehr zurückzahlen könnte.

Im gleichen Moment kam mir der Gedanke eines Sparkontos, sodass ich Khalphan beim Sparen helfen kann. Denn ich glaube, das ist sein größtes Problem, wenn man nicht viel Geld hat, dann fällt es noch schwerer zu sparen, man kauft sich dann doch lieber nochmal ein bisschen Guthaben fürs Handy, oder mal eine neue Musikanlage oder einen Fernseher (was natürlich schon größere Anschaffungen sind). Khalphan ist sicherlich absolut kein reicher Mann, aber er nagt auch nicht am Hungertuch, so sollte es eigentlich möglich sein zu sparen, aber ohne Bankkonto fällt das Ganze natürlich noch schwerer, wohin also mit dem Geld, unter’s Kopfkissen?

Deswegen kam mir die Idee, er könnte bei mir sparen. Noch leichter als Geld abgeben ist es allerdings, Geld für eine Leistung, die man erbringt, gar nicht erst zu bekommen, sondern direkt zu sparen. Deswegen habe ich ihm den Vorschlag gemacht, dass Jan und ich jetzt bis zu unserer Abfahrt „umsonst“ Chipsis essen und ihm am Ende die Gesamtsumme geben. Er fand die Idee direkt ziemlich gut, holte sein Handy raus und wir überschlugen wieviel dabei wohl zusammen kommen würde, wir kamen auf ca. 240.000 TSH (ca. 120 Euro er staunte nicht schlecht bei der Summe). Außerdem habe ich ihm den Vorschlag gemacht, dass er auch noch weiteres Geld bei mir sparen kann, er bekommt zwar keine Zinsen, hat das Geld aber außer direkter Reichweite und an einem sicheren Ort. Er war total begeistert von der Idee, also habe ich jetzt zwei Schulhefte gekauft, eines bekommt Khalphan, eines bekommen wir und dann wird immer aufgeschrieben wann wir Chipsi gegessen haben. Die zwei Hefte zum einen damit keiner einfach was hinzufügen oder streichen kann, aber das würden weder Khalphan noch wir machen, sondern eher falls eines mal verloren geht.

Außerdem habe ich ihm noch gesagt, dass wenn er nach Dar es Salam geht und wenn er dann das Geld von uns bekommt, einen guten Plan haben müsste, was er dort und damit machen möchte. Er meinte er fängt jetzt alles an vorzubereiten und wir müssten noch ganz oft reden, damit er einen guten Plan entwickeln könnte.

Khalphan ist wirklich ein sehr intelligenter junger Mann, er ist zwar nicht besonders gebildet (primary), aber er weiß Sinnvolles von nicht Sinnvollem sehr gut zu unterscheiden und scheint mir ein Meister des Lebens zu sein. Er versteht es, Ideen zu entwickeln und umzusetzen, er hat kurzfristige aber auch langfristige Ziele, er ist realitätsnah, er handelt überlegt und er ist total offen und an allem interessiert. Deswegen glaube ich, dass er das Geld nicht irgendwie zum Fenster rausschmeißen wird, sondern wirklich einen guten Plan entwickelt und dieses Startkapital sinnvoll einsetzen wird. Vor allem ist es einfach sein Geld was ihm zusteht, er spart selber für seine Zukunft und bekommt nicht einfach irgendetwas geschenkt; Khalphan ist nicht der Einzige, der sich auf die beiden Listen in den Schulheften freut!

Mittwoch, 16. März 2011

Tukuyu - ein Familienbesuch

Es war schon für Dezember geplant, dann für Ende Januar, dann Anfang, dann Mitte, es wurde Ende Februar, aber es wurde was. Der Urlaub mit Davie, meinem besten Freund, bei seiner Oma in einem kleinen Dorf  in den Livingstonebergen.

Die erste Hürde war seinen Vater zu fragen, ob wir gemeinsam seine Oma besuchen dürfen und ob er Davie dafür Geld geben kann. Das waren ein paar Diskussionen und es war mein Part, denn wenn ich Baba Davie sagen würde, dass ich da gerne mal hinfahren würde und Davies Oma kennenlernen wollen würde, dann könnte er gar nicht mehr nein sagen, so Davies schlüssige Logik. Als ich es dann irgendwann abends geschafft hatte, Baba Davie in einem halbwegs ruhigen Moment abzupassen um ihm von meinem Wunsch zu berichten, stellte es sich auch als fast kein Problem heraus. Davies Vater schlug vor, dass ich ja mit ihm nächstes Wochenende für einen Tag dahinfahren könnte, eigentlich wollte ich mit Davie ein Wochenende später für ein paar Tage ins Dorf fahren. Letzten Endes wurde dann festgehalten, dass wir zu dritt fahren würden, allerdings war dieses auch noch (zumindest für mich) unklar. Daraus wurde dann aber auch nichts, Davies Vater hatte an dem Wochenende einiges an Arbeit und so mussten Davie und ich alleine fahren.

Samstags Morgens bin ich dann zu Davie und fragte ihn, wie es aussehen würde, ob wir fahren würden oder nicht und wie wir fahren würden und wann. Da meinte er, wir müssten noch mal mit seinem Vater reden, also erstmal warten bis er wach wird, dann mit ihm geredet, wobei herauskam, dass er nicht mitfahren würde und wir alleine mit dem pikipiki (Motorrad) fahren würden, wenn es in den Bergen nicht geregnet hätte. Also schnell dort angerufen, nein es hatte vier Tage nicht mehr geregnet und man freute sich auf unseren Besuch. Also gingen wir in die Stadt und warteten an dem Laden von Davies Vater, worauf? Dass Davie irgendwie Geld oder sonst was von seinem Vater für die Reise bekam. Irgendwann fragte Baba Davie mich dann nach 10.000 TSH (5 Euro) für Sprit, er hatte schon ein pikipiki gemietet und ich sollte jetzt Sprit bezahlen, ein sehr guter Deal. Dann, als der Sprit im pikipiki war, ging es endlich los, es hieß immer nach Tukuyu, aber ich wusste schon, dass das nicht so ganz stimmt. Tukuyu ist eine Stadt zwischen Kyela und Mbeya, in die wir öfter fahren, weil es dort z.B. eine Bank gibt, die VISA-Karten annimmt. Wir fuhren in die andere Richtung, nach Ipinda, Richtung Matema, dem beliebten Badestrand am Nyassasee. In Ipinda bogen wir dann allerdings nicht nach rechts, Richtung Matema, sondern nach links, Richtung irgendwo anders, ab.

Nach schätzungsweise zwei Stunden Fahrt inklusive einer kurzen Pause um Mangos zu essen und einer weiteren kurzen Pause, da wir von einem Bekannten von Davie kurz nach Hause eingeladen wurden, kamen wir in dem Dorf an. Meine Eindrücke von dort kann ich nur ganz schwer in Worte fassen.

Deswegen erst einmal die einfache Sache, die Umgebung – einfach wunderschön. Das Dorf liegt in den absolut grünen Livingstonerbergen, die Häuser sind umgeben von riesigen Bananenstauden, Maisfeldern, Avocado- und Mangobäumen usw. Von manchen Stellen aus hat man einen wunderschönen Blick auf den Nyassasee, der in der Ferne zwischen den Bergen liegt. Außerdem ist uns in der ganzen Zeit in dem Dorf nur einmal ein anderes pikipiki entgegengekommen, das zeigt natürlich zum einen die Armut der Bewohner, aber für jemanden aus Deutschland, der Motorräder, Autos, Lärm und alles Schreckliche was dazu gehört gewöhnt ist, ist diese Ruhe und Abgeschiedenheit natürlich schon sehr beeindruckend.

Noch viel spannender fand ich aber mal wieder das Leben dort. Untereinander sprechen die meisten Einwohner nur Kinyakyusa, die Stammessprache der Wanakyusa. Da mein Wortschatz jedoch nicht über eine ausführlichere Begrüßung hinausreicht, habe ich mich danach auf Suaheli weiter unterhalten. Nahezu ausnahmslos sind die Einwohner in der Landwirtschaft tätigt, zum größten Teil für die Eigenversorgung, aber auch zum Verkauf. Entweder sind die nicht besonders großen Häuser aus Bambus und Lehm oder aus Lehmziegeln und wie hier überall üblich mit Wellblechdach. Es gibt ein oder zwei größere Straßen (mit guten Feldwegen vergleichbar, natürlich ungepflastert und unasphaltiert) und von dort führen kleine Trampelfade zu den Häusern, wäre Davie nicht dabei gewesen, ich hätte mich sofort verlaufen.

Als wir gerade die ersten Häuser erreichten, ging es los, ich habe glaube ich noch nie so viele Leute in so kurzer Zeit gegrüßt und ich fühlte mich direkt total wohl. Auch wenn, oder vielleicht auch gerade weil, alle natürlich ein bisschen staunten, dass ein Weißer in ein Dorf kommt, das definitiv auf keiner Touristenroute zu finden ist, begrüßten mich alle total herzlich und obwohl es sich immer nur um kurze Begrüßungen handelte habe ich ganz schnell das Gefühl bekommen, nicht nur willkommen zu sein sondern mich sogar heimisch zu fühlen. Auch die Freude Davie wiederzusehen war riesig, zumindest wirkte es so. Ich finde es immer schwierig zu beurteilen, wie ernst die Freude ist und wie sehr jemand geliebt wird, oder vielleicht doch eher Abneigung gegen ihn empfunden wird.

Jeder Nachbar, Bekannte oder auch einfach jeder Mensch wird hier als „ndugu yangu“ (mein Verwandter) angesehen. Diese Einstellung hat den Vorteil, dass Abneigungen nicht offen zur Schau gestellt werden und dass immer schnell ein positives Klima entsteht, außerdem wird dadurch eigentlich nicht zwischen den Menschen unterschieden, auch wenn jemand eine andere Hautfarbe hat, er ist ja doch auch ein „Verwandter“, das habe ich auch schon des Öfteren gehört. Wenn man diese Einstellung wirklich lebt, ist es wahrscheinlich total positiv und fördert absolut ein friedliches Zusammenleben. Allerdings ist es sicherlich auch nicht immer ganz einfach, jeden als seinen „Verwandten“ zu betrachten. Ich bin mir daher wie gesagt nicht immer ganz sicher, ob das immer alles jedem gegenüber ernst gemeint ist oder nur Fassade ist.

Auf jeden Fall haben wir dann den Samstag damit verbracht, erst mit dem Motorrad ein wenig durch die Gegend zu fahren, über kleinste Trampelpfade und haben alle möglichen Leute besucht und gegrüßt. Bei Davies Eltern haben wir einige geröstete Maiskolben bekommen, wirklich total lecker, die werden auch in Kyela abends immer auf der Straße verkauft. Dann waren wir noch bei einer kleinen Versammlung, als erstes natürlich einmal die Runde machen und alle Leute grüßen, dann gab es für uns ein bisschen Mais mit Bohnen (viel leckerer als es sich anhört, aber Davie flüsterte mir zu, ich sollte nicht so viel essen, es gäbe nachher noch bei seiner Oma Essen). Gegessen wurde mit einem kleinen Stück Palmenblatt, das wir auf ganz geschickte Art und Weise zu einem Löffel falteten. Auf der Versammlung wurde ebenfalls gegessen und auch getrunken (ein selbstgemachtes Maisbier, hergestellt in Plastikeimern) und es wurde besprochen wie die nächste Beerdigung abgehalten werden soll, irgendein ndugu war gestorben, ich glaube es handelte sich um ein Kind aus dem Dorf (ich habe natürlich nichts verstanden, aber Davie hat es mir kurz übersetzt). Dann wollten wir wieder weiter fahren, aber zuerst natürlich nochmal die Runde und alle mit Handschlag verabschieden. Den restlichen Tag sind wir weiter durchs Dorf und durch die Gegend gestreift, diesmal ohne Motorrad und so war auch ganz schnell Abend. Übernachtet haben wir bei Davies Oma auf eine Matratze, Moskitonetz braucht man dort nicht, das Dorf liegt zu hoch für die Mücken, daher war es auch nachts angenehm kühl, obwohl sich die Hitze des Tages total unter dem Wellblechdach gestaut hatte.

Zu essen gab es übrigens am Samstagabend wali na dagaa (Reis mit diesen kleinen Fischen, im Wörterbuch steht übrigens es seien Anschovis) und am Sonntag wali na samaki (Reis mit Fisch), ich habe nicht nachgefragt, aber glaube es war ein wirkliches Festessen, normaler ist glaube ich z.B. Ugali na Maharagwe (ein Maisbrei mit Bohnen).

In der Nacht hatte es ziemlich geregnet und so waren die kleinen Wege ziemlich schlammig und wir haben uns ein paar Mal fast hingelegt mit dem Motorrad, es war aber wirklich lustig, wir sind ja nur extrem langsames Schritttempo gefahren. Dann sind wir noch nach Itete, ein Dorf weiter, dort gibt es ein lutherisches Krankenhaus, von Deutschen Missionaren erbaut und gilt mit denen in Matema (ebenfalls ein deutsches Missionarskrankenhaus) und das in Mbeya als eines der besten Krankenhäuser der Region, anders als das hier in Kyela. Es liegt auf der Spitze eines Berges (ich frage mich wieso ziemlich viele Missionarskrankenhäuser auf Bergspitzen erbaut wurden) und von dort hatte man auch wieder einen wunderschönen Blick in ein kleines Tal.

Nachdem wir nochmal eine Runde durch das Dorf gedreht hatten und uns von vielen wieder verabschiedet hatten, ging es gegen Mittag auch schon wieder zurück nach Kyela. Kurz hinter Ipinda hielt Davie an und meinte irgendetwas sei komisch, wir abgestiegen und geguckt, da hatten wir einen Platten im Hinterreifen, also hieß es umdrehen und zurück nach Ipinda schieben. Mit dem pikipiki dachte ich eigentlich es wäre kurz hinter Ipinda gewesen, zu Fuß, in der Sonne und mit dem schweren pikipiki war es dann aber doch schon ein ganzes Stück. Wir nahmen es aber gelassen und freuten uns, dass es erst jetzt passiert ist und nicht schon in den Bergen, dann wäre es nämlich wirklich weit bis Ipinda gewesen. Nach einer kalten Soda ging es dann auch ohne weitere Probleme zurück nach Kyela.